Weisheit
Pyrrhus
und Cyneas
Die Reise nach Sachsen
Moribundus
Fastenurlaub
Im Tempel der Erleuchtung
Die Jacke des Jizchak Leib
Friedrich der Große und der Lausitzer
Bauer
Der Steinmetz
Der Indianer am See
Einstein im Schlafwagen
Der Schäfer
Pyrrhus
und Cyneas
Der Freund von König Pyrrhus von Epirus, Cyneas, fragte
Pyrrhus: "Herr, wenn ihr Rom erobert habt, was werdet ihr
als nächstes tun?" - Pyrrhus antwortete: "Sizilien
liegt in der Nähe und wird leicht zu erobern sein."
- "Und nach Sizilien, was wollt ihr dann tun?" fragte
Cyneas. - "Dann gehen wir nach Afrika und plündern
Karthago." - "Und nach Karthago, Herr?" - "Griechenland."
- Cyneas erkundigte sich: "Und was erwartet ihr als Belohnung
für all eure Siege?" - "Dann", sagte Pyrrhus,
"setzen wir uns nieder und machen uns ein schönes
Leben." - Worauf Cyneas vorschlug: "Können wir
uns nicht jetzt schon ein schönes Leben machen?"
Die
Reise nach Sachsen
In Böhmen war eine große Arbeitslosigkeit ausgebrochen.
Viele Menschen mussten auswandern und woanders nach ihrem Glück
suchen. Unter ihnen war ein junger Mann, der sich auf die Reise
nach Sachsen machte, um dort eine neue Anstellung zu finden.
Er verließ Böhmen zum ersten Mal und fühlte
sich unsicher. Auf halbem Wege nach Sachsen begegnete er einem
fahrenden Musikanten und fragte ihn: "Sag mal, kannst Du
mir sagen, wie die Leute in Sachsen sind?"
Der Musikant fragte zurück: "Wie sind denn die Leute
in Böhmen?"
Der Mann antwortete: "Ach, leider ziemlich unsympathisch
und hinterlistig."
"Tja, leider - so sind auch die Leute in Sachsen."
Betrübt wanderte der Mann weiter.
Ein anderer Reisender begegnete wenig später demselben
Musikanten.
Auch dieser Reisende fragte: "Kannst Du mir sagen, wie
die Leute in Sachsen sind?"
Der Musikant fragte zurück: "Wie sind denn die Leute
in Böhmen?"
Aber dieser Reisende antwortete: "Oh, eigentlich ziemlich
freundlich, sogar liebenswert."
"Da hast du Glück: Genau so sind auch die Leute in
Sachsen."
Und der Reisende setzte heiter seinen Weg fort.
Moribundus
In einem österreichischen Landeskrankenhaus liegt ein schwerkranker
Mann im Sterben. Die Ärzte haben ihm wahrheitsgemäß
mitgeteilt, dass sie seine Krankheit nicht diagnostizieren können,
ihm aber wahrscheinlich helfen könnten, wenn sie die Diagnose
wüßten. Sie haben ihm ferner gesagt, dass ein berühmter
Diagnostiker das Spital in den nächsten Tagen besuchen
und vielleicht imstande sein wird, die Krankheit zu erkennen.
Ein paar Tage später kommt der Spezialist wirklich an und
macht seine Runde. Am Bett des Kranken angekommen, wirft er
nur einen flüchtigen Blick auf ihn, murmelt "moribundus"
und geht weiter.
Einige Jahre später sucht der Mann den Spezialisten auf
und sagt ihm: "Ich wollte Ihnen schon längst für
Ihre Diagnose danken. Die Ärzte sagten mir, dass ich Aussicht
hätte, mit dem Leben davonzukommen, wenn Sie meine Krankheit
diagnostizieren könnten, und in dem Augenblick, da Sie
"moribundus" sagten, wusste ich, dass ich es schaffen
werde."
Fastenurlaub
Gewöhnlich freuen wir uns auf eine Reise. Sie ist der Lohn.
Doch manchmal ist es angezeigt, dass wir uns bestrafen - und
zwar bevor das Schicksal es tut. So buchen wir eine Fastenreise.
Eine vieltägige Entschlackungs-, Entgiftungs- und karmische
Reinigungskur. Egal, ob wir uns für Mayr, Schnitzer, Bruker,
Buchinger oder für vedische Abkochungen entscheiden, ein
Vergnügen wird es auf keinen Fall.
Gefasst und tapfer betreten wir das Fastenhotel. Das Personal
lächelt schief; es hält uns für falsch ernährt.
Helles Holz und handgewebte Naturstoffe sollen uns aufheitern.
Doch an den schwermütig herumschlurfenden Gästen und
ihren Wärmflaschen erkennen wir: Es wird ernst. Tatsächlich
bekommen wir ein niederschmetterndes Programm überreicht.
Worte wie "Leberwickel" und "Reisschleim"
verheißen nichts Gutes. Schweigen wir vom "Irrigator",
der "an der Rezeption auch als Reise-Set erhältlich"
ist.
Wir treten auf den Balkon und sehen in neblige Wipfel. Ein Eichhörnchen
schaut aus der Freiheit herüber. Unbeschwertes Geschöpf!
Du sammelst pro Woche genügend Nüsse für anderhalb
Gläser Nutella! Das müssen wir jetzt vergessen.
Wir schauen uns im Haus um. Sind die Leute, denen wir hier begegnen,
eigentlich alle älter als wir? Oder sehen sie nur so aus,
weil sie schon ein paar Tage länger da sind? Während
im so genannte Speisesaal Gemüsebrühe ausgeschenkt
wird, kreist das Gespräch um Verdünnungen, Pulsdiagnosen
und den vorbildlichen Lebensweg des Fastenarztes. Abends hält
er lebenspraktische Vorträge. Falls wir Ayurveda gebucht
haben, finden wir dabei heraus, ob wir Vata, Kapha oder Pitta
sind, und erfahren, dass die indische Bevölkerung traditionell
auf Panchakarma-Kuren schwört. Komisch, dass diese Bevölkerung
eine derartig niedrige Lebenserwartung hat.
Oder ist das ein gutes Zeichen? Wir lernen ja bald, unser herkömmliches
Vorurteil zu revidieren. Die enervierende Schlaflosigkeit ist
ein Beleg unserer innewohnende Energie! Ohrensausen, Schwindelanfälle,
Magenkrämpfe, rasende Kopfschmerzen sind ermutigende Indizien!
Nur für den schlingernden Kreislauf sollen wir etwas tun.
Bei Regen Sonnengruß, Kobra und Pflug. Bei Trockenheit
geht es hinaus auf Kieswege und Waldpfade, zunächst in
kleinen Leidensgemeinschaften. Vom dritten Tag an in philosophischer
Einsamkeit, denn es riecht seltsam; entweder aus unseren oder
aus den andern Poren. Beliebte Ziele sind das Brunnenhäuschen,
die Jahrhundert-Eiche und das denkmalgeschützte Wasserrad.
Unserer schwindenden Hirnsubstanz reicht das als Anregung.
Im übrigen merken wir, dass es keinen Sinn hat, Tabus aufrecht
zu erhalten. Gewöhnlich verschwiegene körperliche
Vorgänge sind vom vierten Tag an bevorzugtes Tischgespräch.
Jeder weiß jetzt, wie dünnflüssig der andere
inzwischen ist. Man spricht sich Mut zu und wartet auf die berühmte
Fasten-Euphorie. Irgendwann soll der Körper, im Glauben
es gehe zu Ende, aufmunternde Halluzinogene ausschütten.
Wir telefonieren nach Hause und empfehlen den feige Daheimgebliebenen,
morgens mit Sonnenblumenöl zu gurgeln. Dazu haben sie keine
Lust. Sie bewundern uns lieber mit durchschaubarer Heuchelei.
Wir ziehen uns in den "Raum der Stille" zurück
und zweifeln meditativ am Sinn des Lebens. Aber irgendwann schließt
sich der Zyklus der abendlichen Vorträge wieder bei "Ursachen
von Gesundheit und Krankheit". Und das bedeutet: Es ist
Zeit abzufasten.
Wir bekommen einen Zettel überreicht mit dem Leitwort "Jeder
Dumme kann fasten, aber nur ein Weiser kann das Fasten richtig
brechen". Und grüßen den erhaben auf dem Frühstücksteller
ruhenden Apfel. Während wir jeden mürben Bissen zwanzigmal
kauen, rechnen wir durch, was wir hier pro Tag bezahlt haben
und was wir eigentlich dafür bekommen haben. Und wir können
nicht mal heimlich was mitgehen lassen, nur Knäckebrot.
So kaufen wir den Reise-Irrigator inklusive Vorratspackung Glaubersalz
als Mitbringsel und versprechen dem Fastenarzt, unsere Ernährung
fortan nach seinen Richtlinien umzustellen. Als bemitleideter
Held kehren wir heim. Der Doktor hat behauptet, wir seien jetzt
zehn Jahre jünger. Niemand bemerkt es. Um unsere gewandelte
Einstellung öffentlich zu bekennen, kaufen wir Gemüsebrühwürfel,
Sprossensamen und Aloe Vera Gel. Hoffentlich ist das alles lange
haltbar.
Denn eigentlich sind wir inzwischen genug gestraft. Haben wir
nicht sogar im voraus gebüßt? Aber ja! Nach dieser
Reise dürfen wir, müssen wir sündigen! Enthusiastisch
rufen wir unser Lieblingsrestaurant an. Düstere Stille.
Es hat inzwischen pleite gemacht.
© 2003 Claudia Larsmeyer und Dietmar Bittrich www.dietmar-bittrich.de
Im
Tempel der Erleuchtung
Es war zur Zeit des edlen Königs Artus, dass im Lande des
Grals ein Tempel stand, der war innen mit tausend Spiegeln verkleidet.
Nur Vertraute des Königs durften ihn betreten. Doch eines
Tages gelang es dem Lieblingshund des Königs, unbeobachtet
durch die Tür zu schlüpfen. Niemand sonst war im Tempel.
Der Hund war allein. Allein mit tausend Spiegelbildern. Mit
tausend anderen Hunden. Denn ein Hund weiß nicht, was
ein Spiegel ist. Heute nicht, und damals erst recht nicht. Und
so glaubte sich der Hund des Königs von tausend Gefährten
umgeben. Das fand er lustig, und er begann zu lächeln.
Und siehe da, all die tausend anderen Hunde lächelten ebenfalls!
Das ermutigte ihn, und er begann vor Freude mit dem Schwanz
zu wedeln. Und, oh, was für ein Wunder! Die tausend Hunde
wedelten im selben Moment mit dem Schwanz! Sie freuten sich
ebenfalls! Da wurde der Hund des Königs Artus immer fröhlicher.
Er begann zu spielen, und die anderen Hunde spielten auch. Er
sprang ausgelassen im Kreis umher, die anderen Hunde taten es
ebenfalls! Was für ein Spiel! Und was für ein Glück
ist es, dachte er, so freundlich sein! Erst am Abend merkte
er, dass er nichts gefressen hatte. Er fühlte sich schwach.
Und nun erst fiel ihm auf, dass auch die anderen Hunde nichts
zu fressen hatten. Er sah weder Fleisch noch Knochen im Tempel.
Er bekam Angst. Er wurde schwach. Und die tausend anderen Hunde
wurden ebenso schwach. Sie krochen nur noch - wie er! Wer hätte
auch all diese Tiere ernähren können?! Mit schwindender
Kraft schleppte er sich zur Tür. Er hob noch die Pfote,
die anderen taten es gleichfalls. Doch öffnen konnte die
Tür keiner mehr. Am anderen Morgen fanden die Tempelwärter
den Hund leblos. Zum Glück reichte es, nur ihn aus dem
Gebäude zu schleifen; die anderen tausend verschwanden
gleichzeitig.
Nicht lange danach gelang es einem anderen Hund, durch die Tür
zu schlüpfen. Es war der knurrige Köter des bösen
Herzogs Mordred. Kaum war er in den Tempel gelangt, begann er
zu knurren. Nicht ohne Grund - denn er sah sich plötzlich
von tausend fremden Hunden umgeben! Gut, dass er knurrte! Denn
im selben Moment, als er den Kopf duckte, taten sie dasselbe.
Auch sie stellten ihre Nackenhaare hoch. Auch sie schienen zu
knurren! Allerdings taten sie es entschieden leiser als er.
Er jedenfalls hörte nur sein eigenes Knurren. Das ermutigte
ihn. Er fletschte die Zähne. Im selben Moment fletschten
schon die tausend feindlichen Hunde die Zähne! Er bellte
wütend. Die tausend anderen rissen das Maul auf. Sie schienen
bellen zu wollen, ja, sie taten es wohl - aber kein Ton war
zu hören, nicht das leiseste Röcheln! Das ermutigte
ihn noch mehr. Er bellte lauter, so dass es von den verspiegelten
Wänden zurückschallte. Noch lauter, so dass die Spiegel
zitterten. Für ihn sah es aus, als zitterten die Hunde
vor Furcht. Und das gab ihm Kraft. Noch lauter bellte er, er
kläffte, belferte, heulte - und da pötzlich ging ein
Riss durch die Spiegel. Und noch einer - da! - und nun, bei
seinem lautesten Bellen, zersprangen sie! Und schepperten zerklirrten
sie zu Scherben.
Vollkommene Ruhe. Verschwunden der Spuk. Kein feindlicher Hund
war mehr zu sehen. Alle hatten sich davongemacht. Nur er, der
heldenhafte Hund des bösen Königs Mordred, hatte Stand
gehalten. Und nun - was sah er dort schimmern - dort in den
Räumen, die sich hinter den Spiegeln geöffnet hatten?!
Er schlich näher heran. Das waren herrliche Schätze!
Funkelnde Edelsteine! Juwelen! Gold! Das war der legendäre
Schatz des Königs Artus! Hier also war er verborgen gewesen.
Und in der Mitte das Gefäß des ewigen Lebens: der
Gral!
Schnell lief der Hund hinaus, um seinen Herren, den Herzog König
Mordred zu holen. Der kam eilig und staunte und lobte und pries
seinen klugen Hund, barg all die Schätze und brachte sie
auf sein Schloss. Sein böses Geschlecht ist seither reich
und lebt dank des Grales bis alle Ewigkeit.
So merke dir: Wenn du gelegentlich laut und böse wirst,
kannst du eine Menge Zaster abstauben. Und wenn du selbst nicht
laut werden magst, schaff dir wenigstens einen bösen Hund
an!
© 2003 Claudia Larsmeyer und Dietmar Bittrich www.dietmar-bittrich.de
Die
Jacke des Jizchak Leib
Kennen Sie Jizchak Leib? Nein? Da geht es Ihnen genauso wie
dem Rabbi Rafael von Belz. Der war vor vierhundert Jahren der
berühmteste Weise im Judentum. Der fragte Gott in einem
Traum: Neben wem werde ich im Jenseits sitzen? Die Antwort:
Neben Jizchak Leib aus Lodz. Der Rabbi kannte keinen Jizchak
Leib. Also ließ er anspannen. In der jüdischen Gemeinde
von Lodz begrüßt man ihn mit Hochachtung. Aber Jizchak
Leib kennt man nicht. Ach doch, jemand erinnert sich: Da gibt
es einen, der kommt nie in die Gemeinde, einen Schächer
am Ende der Stadt. Dahin begibt der Rabbi sich. Es wird dunkel.
Der Sabbatabend beginnt. Düsteres Viertel. Verwahrlostes
Haus. Jizchak Leib? grinst eine Nachbarin, der ist unterwegs
in Geschäften. Der Rabbi erschrickt: Am Sabbat? Das soll
der Mann sein, neben dem ich im Jenseits sitze? Endlich kommt
dieser Jizchak. Angetrunken. Grüßt kaum, frisst gleich
los. Das Tischgebet!, ruft der Rabbi. Der Schächer grunzt:
Willst du ein Geschäft mit mir machen oder was? Nein, der
Rabbi will den Sabbat feiern. Wenn du kein Geschäft anbieten
kannst, raus mit dir!, schnaubt Jizchak und wirft den Rabbi
vor die Tür. Entsetzen. Ohnmacht.
Am nächsten Tag auf schnellstem Weg zurück nach Belz.
Der Rabbi ist verzweifelt: Was habe ich getan, dass ich neben
diesem Mann sitzen soll? Ein Fluss. Hochwasser. Die Brücke
ist kaputt. Ein Boot nimmt den Rabbi auf. Als er drüben
ist, hört er Geschrei. Am anderen Ufer winkt Jizchak Leib:
Rabbi, Rabbi, ihr habt euren Hut vergessen! Der Rabbi winkt
ab: Die Brücke ist kaputt! Da legt Jizchak Leib seine Jacke
aufs Wasser, fährt darauf hinüber, reicht dem Rabbi
den Hut: Gute Reise noch!, und fährt auf der Jacke zurück.
Der Rabbi steht stumm.
Und die Moral: Sie müssen keine frommen Gesetze einhalten,
um erleuchtet zu werden. Sie können nach Herzenslust Geschäfte
machen. Und wenn Sie gelegentlich übers Wasser wandeln,
zahlen wir Eintritt!
Jüdische Legende, in dieser Fassung erzählt in Dietmar
Bittrich: Das Schloss der Schicksale www.dietmar-bittrich.de
Friedrich
der Große und der Lausitzer Bauer
Am Rande des preußischen Reiches, in der Lausitz, besaß
ein Bauer ein herrliches Pferd. Friedrich der Große, der
preußische König, hörte davon und besuchte den
Bauern. "Das ist das prächtigste Pferd, das ich je
gesehen habe", sagte er. "Ich gebe dir hundert Goldstücke
dafür!" - "Nein, danke", sagte der Bauer.
"Ich möchte es nicht verkaufen." - "Fünfhundert
Goldstücke?", fragte Friedrich der Große. "Tausend?"
- "Nein", sagte der Lausitzer Bauer. "Ich möchte
es behalten." Der Kaiser reiste wieder ab. Die Leute im
Dorf schüttelten den Kopf. Eine Woche später war das
Pferd verschwunden. Es war einfach weggelaufen. "Du unglückseliger
Mann!" riefen die Leute aus dem Dorf. "Eben hättest
du tausend Goldstücke haben können und eine ganze
Herde Pferde kaufen können! Jetzt hast du gar keins mehr.
Was für ein Unglück!" - "Ob das ein Unglück
ist oder ein Glück, wer weiß das jetzt schon?",
sagte der Bauer. "Es ist, wie es ist." Wieder eine
Woche später war das Pferd wieder da. Aber nicht allein
- es hatte eine ganze Herde Wildpferde mitgebracht. "Was
für ein gesegneter Mann du bist!", riefen die Leute
im Dorf. "Das Schicksal meint es gut mit dir! Sieh doch,
was für ein Glück du hast!" - "Ob das ein
Glück oder Unglück ist", sagte der Bauer, "wer
weiß das jetzt schon?" Sein Sohn musste die Pferde
zureiten. Das ging auch gut - bis ein wilder Rappe ihn abwarf.
Der Sohn brach sich das Bein. "Du bemitleidenswerter Mann!",
riefen die Leute. "Dein einziger Sohn ist ein Krüppel.
Was für ein Unglück du hast!" - "Ob das
ein Unglück ist oder ein Glück", sagte der Bauer.
"Wer weiß das jetzt schon? Es ist wie es ist."
Krieg brach aus gegen Österreich. Friedrich der Große
brauchte Soldaten. Jeder Sohn des Dorfes in der Lausitz wurde
eingezogen. Nur der Sohn des Bauern nicht. Der hatte ja ein
gebrochenes Bein. "Du beneidenswerter Mann!" riefen
die Leute. "Als einziger behältst du deinen Sohn!
Was für ein Glück du hast!" - "Ob das ein
Glück oder Unglück ist", sagte der Bauer, "wer
weiß das jetzt schon? Es ist wie es ist." Friedrich
der Große gewann den Krieg. Die Söhne kehrten mit
Schätzen heim. "Armer Mann!", riefen die Leuteim
Dorf. "Du gehst leer aus! Was für ein Unglück
für dich!" Der Bauer sagte: "Glück oder
Unglück, wer weiß? Es ist wie es ist." Ein Bote
kam. Denn die Söhne des Dorfes hatten im Feld von dem weisen
Bauern erzählt. Nun wurde er nach Berlin berufen: als Berater
Friedrichs des Großen. "Glücklicher, auserwählter
Mann!", riefen die Leute im Dorf. Der Bauer zog an den
Hof nach Potsdam. Ob das ein Glück oder Unglück war?
Wer weiß? Es war einfach so.
© 2003 Claudia Larsmeyer und Dietmar Bittrich www.dietmar-bittrich.de
Der
Steinmetz
Ein Steinmetz saß am Fuße eines mächtigen Berges
und bearbeitete in der Hitze der Mittagssonne einen Felsen.
Es war sehr anstrengend und er schaute nach oben und sprach:
"Lieber Gott, was bin ich für ein armer Mann, könnte
ich doch die Sonne sein, die auf alles scheint, dann ginge es
mir immer gut." Er hatte diesen Wunsch gerade ausgesprochen,
da wurde er die Sonne. Nun stand er hoch oben am Himmel und
schien auf alles herab und freute sich. Plötzlich kamen
Wolken auf und versperrten ihm die Sicht auf die Erde. "Lieber
Gott," sagte er, "was nützt es mir die Sonne
zu sein, wenn die Wolken mächtiger sind - könnte ich
doch die Wolken sein!" Es dauerte nicht lange und er war
die Wolken und zog gemächlich über die Erde. Ein Sturm
kam auf und trieb die Wolken auseinander. "Lieber Gott,
wenn der Sturm mächtiger ist, so möchte ich lieber
der Wind sein, der über die Erde weht." Er wurde der
Wind und wehte über die Erde, freute sich an seiner Kraft.
Plötzlich wurde er von einem hohen Berg aufgehalten, der
Wind brach sich an dem mächtigen Berg. "Lieber Gott,
so stark möchte ich sein, dass ich sogar den Wind aufhalten
kann und so mächtig." Er wurde zu dem hohen Berg und
stand majestätisch da. Auf einmal merkte er, wie unten
an seinem Fuße jemand saß und hämmerte.
Der
Indianer am See
Ein Motivationstrainer kam in seinem Angel-Urlaub an einen großen
See, an dem ein Indianer saß und angelte. "Was tust
du da?" fragte der Motivationstrainer.
"Ich sitze hier und angele."
"Kleiner Tipp: Wenn du zwei Angeln benutzen würdest,
könntest Du mehr Fische fangen."
"Und warum sollte ich das tun?"
"Weil du dann mehr Geld hättest. Du könntest
dir ein Boot kaufen."
"Und dann?"
"Dann könntest du noch jemanden einstellen, der dir
hilft, und du würdest noch mehr Geld verdienen."
"Und dann?"
"Dann könntest du irgendwann eine Fischfabrik bauen
und sehr viel Geld haben."
"Und warum sollte ich das tun?"
"Dann könntest du öfter mal in den Urlaub zum
Angeln fahren."
"Aber das tue ich doch!"
Einstein
im Schlafwagen
Der Nobelpreisträger Albert Einstein galt unter Freunden
und Kollegen als weises und heiteres Genie. "Die meisten
Menschen sind weit weniger glücklich als sie sein könnten",
sagte Einstein. "Und das nur deshalb, weil sie so gern
jammern." Er erzählte folgende Geschichte. Als er
mit einem Kollegen aus Berlin zu einem Kongress nach München
gereist war, hatten beide die Nacht im Schlafwagen verbracht.
Einstein konnte nicht einschlafen, weil aus dem unteren Bett
ständig ein Stöhnen nach oben drang: "Ach, bin
ich durstig! Schrecklich, wie durstig ich bin! Diese Qual!"
Weil das kein Ende nehmen wollte, kletterte Einstein aus dem
oberen Bett, wanderte in Pantoffeln durch den langen Zug zum
Speisewagen, kaufte zwei Flaschen Mineralwasser, ging zurück
und überreichte sie dem jammernden Kollegen. "Da haben
Sie etwas zu trinken." - "Oh, mein Gott, wie herrlich!
Wie wunderbar! Danke!" - Einstein kletterte in sein Bett
zurück. Kaum wollte er die Augen schließen, begann
unter ihm aufs neue das Stöhnen: "Oh Gott, war ich
durstig! Schrecklich war das! Wie durstig ich war! Diese Qual!"
Der
Schäfer
Es war einmal ein Schäfer, der in einer einsamen Gegend
seine Schafe hütete. Plötzlich tauchte in einer großen
Staubwolke ein nagelneuer Cherokee Jeep auf und hielt direkt
neben ihm.
Der Fahrer des Jeeps, ein junger Mann in Brioni Anzug, Cerutti
Schuhen, Ray Ban Sonnenbrille und einer YSL Krawatte steigt
aus und fragt ihn: "Wenn ich errate, wie viel Schafe sie
haben, bekomme ich dann eins?" Der Schäfer schaut
den jungen Mann an, dann seine friedlich grasenden Schafe, und
sagt ruhig "In Ordnung". Der junge Mann parkt den
Jeep, verbindet sein Notebook mit dem Handy, geht im Internet
auf eine NASA Seite, scannt die Gegend mit Hilfe seines GPS
Satellitennavigationssystems, öffnet eine Datenbank und
60 Excel Tabellen mit einer Unmenge Formeln. Schliesslich druckt
er einen 15seitigen Bericht auf seinem Hi-Tech Minidrucker,
dreht sich zu dem Schäfer um und sagt: "Sie haben
hier exakt 1586 Schafe."
Der Schäfer sagt "Das ist richtig, suchen Sie sich
ein Schaf aus." Der junge Mann nimmt ein Tier und lädt
es in den Jeep ein.
Der Schäfer schaut ihm zu und sagt: "Wenn ich ihren
Beruf errate, geben Sie mir das Schaf dann zurück? Der
junge Mann antwortet: "Klar, warum nicht."
Der Schäfer sagt: "Sie sind ein Unternehmensberater."
"Stimmt, Mann, woher wissen Sie das?"
"Sehr einfach", sagt der Schäfer. "Erstens
kommen sie hierher, obwohl sie niemand hergerufen hat. Zweitens
wollen Sie ein Schaf als Bezahlung haben dafür, dass Sie
mir etwas sagen, was ich ohnehin schon weiß. Und drittens
haben Sie keine Ahnung von dem, was ich mache, denn Sie haben
sich meinen Hund ausgesucht."