Naturheilkunde


"Körper und Geist sollen eine Einheit sein", sprach der Marquis de Sade. "Doch um diese Einheit zu erlangen, müssen wir ungewöhnliche Methoden anwenden."
Wir wissen nicht genau, welche Methoden der edle Marquis empfiehlt. Wir wissen nur, dass inzwischen etliche Heilpraktiker und Therapeuten ebenfalls ungewöhnliche Wege beschreiten, um Körper und Geist zu einen. Und die Methoden sind nicht selten verwirrend.
Die Bremer Psychologin Karin Pauli zum Beispiel hat das Klavier als Allheilmittel entdeckt. Zuerst spielt sie ihren Klienten einzelne Töne vor, hört sich dann an, was die Klienten zu jedem Ton empfinden und assoziieren, und ermittelt schließlich auf diese Weise den "Grundton" eines jeden Ratsuchenden. Und was tut der Mensch mit seinem Grundton? Er spielt ihn sich jeden Tag zu Hause vor, am besten auf einem eigenen Instrument, sonst auf der Kassette, die ihm Frau Pauli mitgibt. Der Grundton bleibt, doch gegen einzelne Gebrechen kommen mit der Zeit noch andere Töne und sogar Kombinationen und Akkorde hinzu. Nahezu alle psychosomatischen Beschwerden, meldet die Klavierspielerin, seien durch das stete Lauschen auf den Ton in den Griff zu bekommen. Die Schwingungen seien das Heilsame. Ahja.
Ebenso vielversprechend klingt das Therapie-Programm des Dresdener Geologen-Ehepaares Herbert und Else Weise. Die beiden Forscher haben entdeckt, dass vom nahen Elbsandsteingebirge heilsame Kräfte ausgehen. Und zwar ganz unterschiedliche - je nach Gesteinsschichten und Form. Jeder Fels habe so seine eigene Kraft, jede Höhle ihre eigene Wirkung. Die beiden Experten geleiten Heilsuchende auf eine Wanderung in das bizarre Gebirge und stellen mit Hilfe eines geologischen Messgerätes fest, welcher Felsen wem von Nutzen ist. Und dann? Müssen sich die Patienten an den Felsen schmieden lassen wie einst Prometheus? Keineswegs. Es genügt, wenn sie den Felsen häufig aufsuchen und auch mal beklettern. Ja, sogar eine Gesteinsprobe, daheim auf dem Schreibtisch oder unterm Bett plaziert, wirke Wunder.
Und apropos Bett: Der Kölner Therapeut Armin Wagner setzt sich für eine Wiederbelebung des Sunamitismus ein. Sie wissen nicht, was das ist? Eine uralte Heilmethode, die auf einen Helden des Alten Testamentes zurückzuführen ist: Auf König David. Der war bekanntlich ein Frauenheld. Eine der schönsten Mädchen Israels aber, eine gewisse Abishag aus Sunamit, schlief zwar stets bei ihm, "doch er erkannte sie nicht". Weshalb nicht? Weil sie heilbringende Düfte ausströmte. Nämlich die Düfte einer schönen und gesunden Jungfrau. Die Leibärzte hatten dem König dieses Aroma gegen allgemeine Altersschwäche verschrieben, und in der Tat, David gesundete.
Die Geschichte steht im Buch der Könige, und sie hat zahlreiche Nachahmer gefunden. Bis in die Renaissance galt der Sunamitismus als sicheres Heilmittel gegen das Nachlassen der Spannkraft. Englands Star-Philosoph Francis Bacon setzte sich erfolgreich dafür ein, nicht nur das Aroma von Jungfrauen, sondern auch von frischen Knaben zu nutzen. Und in ländlichen Großfamilien war es noch Anfang des Jahrhunderts üblich, dass die Kinder bei den Großeltern schliefen, um mit ihren erfrischenden Ausdünstungen die Alten bei Kräften zu halten. Genau das, meint der Therapeut Armin Wagner, solle wieder als Brauch eingeführt werden. Und wer weiß, vielleicht werden auch noch die Krankenkassen dafür zahlen.
Wie bitte? Da können Sie nur den Kopf schütteln? Das ist gut. Denn das Kopfschütteln ist gesund. Der britische Heilpraktiker Nicolas Thorber empfiehlt lockeres Kopfschütteln morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem Zubettgehen und gern auch zwischendurch. Das entspannt und heilt. Oder seufzen Sie jetzt resigniert? Auch gut! Aber, bitte, seufzen Sie richtig.
Der Wiener Stimmlehrer Romeo Alavi Kia empfiehlt folgende "Ur-Übung" für alle Tage: Auf den Rücken legen. Entspannen. Aufmerksamkeit auf das Ausatmen lenken. Und seufzen. Immer wieder seufzen, während der Atem nach außen fließt. Der Übergang von Atem zu Klang dabei soll sehr sanft sein. Ja, das tut gut.
Und wenn Sie immer nach einer noch originelleren Heilmethode suchen, folgen Sie doch einfach der Empfehlung des Hamburger Kultursoziologen Andreas F. Kracke. Sein Rat zur mentalen, physischen und finanziellen Gesundung: "Erfinden Sie eine neue Heilmethode. Das ist zur Zeit das lukrativste." Kracke denkt dabei wohl nicht ohne Neid an den Amerikaner Peter Kelder, der fünf schlichte Yoga-Übungen mit einer geheimnistuerischen Geschichte und großen Versprechungen umrahmte. Unter dem Titel "Die fünf Tibeter" ist sein Rezept ein kerngesunder Bestseller geworden.
Ja, da besteht Anlass zur Verwirrung. Das Angebot zumindest der alternativer Verfahren ist schwer überschaubar. Niemals gab es so viele Heilmethoden und Therapieformen wie heute. Kum Nye, Tai Chi, Qi Kong, Lomi, Hakomi und Zilgrei konkurrieren miteinander. Bitte die Biodynamik (nach Boyesen) nicht verwechseln mit der Bioenergetik (nach Lowe)! Die Alexander-Technik ist etwas anderes als die Eutonie nach Gerda Alexander.
Doch die Vielfalt der Methoden birgt auch eine Chance: Jeder kann den für ihn persönlich geeigneten Ansatz finden, um Körper und Geist zu klären. Zumal alle ernsthaften Methoden behaupten, "ganzheitlich" zu wirken. Das bedeutet: Wenn der Körper behandelt wird, tut sich auch was in den Gefühlen und im Denken. Und umgekehrt, wenn Geist und Seele von Schlacken befreit werden, reinigt sich prompt auch der Körper.
Die neuen Massage-Techniken etwa lockern nicht nur eine bestimmte Muskelpartie, sondern bauen im gesamten Körper Verspannungen ab, beseitigen Energiestaus und wirken über Reflexzonen sogar noch auf den inneren Organismus. Klar, dass sich da auch seelische Blockaden lockern. Ausübende des Tai Chi oder der Feldenkrais-Technik gelangen über extrem verlangsamte Bewegungen des Körpers zu einem neuen und frischen geistigen Wahrnehmungsvermögen, und das bedeutet stets: zu mehr Freude.
Selbst ein zeitgemäßer Gesangsunterricht kräftigt nicht mehr nur die Stimme des Schülers, bessert nicht nur seine Haltung und seine Atmung, sondern befreit und klärt lang unterdrückte Gefühle. Man kann überall ansetzen. Von allen Seiten führen die Wege zur Seele und von der Seele wieder zum Körper. Und das bedeutet auch: Ohne Veränderung im Denken und Fühlen ist Heilung nicht möglich. Wer einen Schnupfen durchmacht und trotzdem nicht seine Gewohnheiten von Grund auf ändert, hat völlig recht. Aber wer sich das Bein bricht oder eine schwere Krankheit bekommt, darf schon mal ein paar Minuten lauschen. Nämlich auf das, worauf der Körper aufmerksam machen will.
Der Hamburger Therapeut Klaus Lange, dem wir eines der besten Bücher zum Thema verdanken ("Herz, was sagst du mir?", Kreuz Verlag, 13,55 Euro), schlägt vor, dem Körper ab und zu ein wenig Dank abzustatten. Wir betrachten den Körper ja gewöhnlich als nützlichen und gelegentlich auch lästigen Gebrauchsgegenstand. Klaus Lange rät, mit dem Körper zu sprechen, laut oder leise, auf jeden Fall in einem entspannten Zustand. Etwa so: "Mein lieber Körper, du hast soviel für mich getan, ohne dass ich mir dessen bewusst bin. Ich möchte dir dafür danken."
Klingt ein bisschen ungewohnt oder gar albern? Macht nichts. Es wirkt. Psychosomatiker sind sich sicher: Die Aufmerksamkeit, die so auf den Körper gelenkt wird, kommt ihm tatsächlich zugute. Er freut sich. Es geht ihm gleich besser. Und er hat auch uns etwas zu sagen. Das Gespräch geht nämlich weiter. Ungefähr so: "Kann ich etwas für dich tun? Wie kann ich mich in Zukunft besser verhalten?" Nun geht es darum, die Aufmerksamkeit auf einen oder verschiedene Teile des Körpers zu richten. Auf diejenigen, die sich melden, etwa durch Unruhe. Wie geht es ihnen? Was wollen sie? Kann ich etwas für sie tun - oder etwas sein lassen?
Frage an den Körper: "Was ist deine Absicht, wenn du mich (durch Schmerzen oder Verspannungen) auf diese Stelle aufmerksam machst? Wozu hast du dieses Problem entstehen lassen?" Der Antwort zu lauschen, erfordert vielleicht ein wenig Übung. Aber im entspannten Zustand ist die innere Stimme unüberhörbar. Der Körper schickt uns vielleicht Magenschmerzen, damit wir ihm die Pause gönnen, die er braucht. Oder er sorgt für Kopfschmerzen, damit wir nicht beharrlich einer Arbeit nachgehen, die uns langweilt oder erschöpft. Sagen wir unserem Körper, dass wir seiner Weisheit vertrauen und uns von ihr leiten lassen wollen. Und bitten wir diese Weisheit, uns neue Möglichkeiten für unser Leben zu zeigen.
Gut. Und dann lassen wir die Heilkräfte unseres Körpers dorthin fließen, wo sie gebraucht werden. Denn der Körper hat erstaunliche Energien und Selbstheilungskräfte. Wenn wir dieses kleine Gespräch öfter und nicht nur im Krankheitsfall aufnehmen, werden wir immer besser in Kontakt mit unserem Körper kommen. Schließlich werden wir sogar eine liebevolle Beziehung zu ihm gewinnen. Und das wirkt sich auf alles aus: auf unsere Beziehungen zu anderen Menschen und deren Körper, auf unser Selbstbewusstsein und natürlich auf unsere Gesundheit.
Wir werden auf diese Weise vielleicht nie erfahren, was der Marquis de Sade empfiehlt. Aber wir werden genau wissen, was unser Körper und unsere Seele empfehlen. Und darauf können wir uns verlassen.